Zwei Grünschnäbel auf dem Weg nach Witten

ein Erlebnisbericht von unserem Vereinsmitglied Bernd Mettenmeyer

„Man vergilt seinem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler bleibt“ - so schreibt Nietzsche in seinem Zarathustra. Sei es nun aus Dankbarkeit gegenüber seinen Lehrern oder aus anderen Motiven: wer den Sprung vom Schüler- zum Meistergrad machen will, kommt um das Thema Kata nicht herum. Während des regulären Trainings ist es nicht immer leicht, ausreichend Zeit und Platz auf der Matte für Kata-Training bereit zu stellen. Gut also, dass die JJU NW einen entsprechenden Lehrgang anbietet, auf dem verschiedene Katas gelernt und trainiert werden können.

An einem Sonntag im Februar machten sich meine Vereinskollegin Tanja und ich nach Witten zu eben einem solchen Lehrgang auf. Wie zu erwarten, trafen wir auf eine beeindruckende Anzahl von Gurtträgern in nicht weniger beeindruckend dunklen Farben, zu denen wir uns vergleichsweise wie zwei Grünschnäbel vorkamen (womit an dieser Stelle auch unsere Gürtelfarbe verraten wäre). Fehl am Platz fühlten wir uns dennoch nicht, denn die Referenten Dieter Gobien und Michael Liermann freuten sich besonders über das Interesse der Mittelstufenschüler. Nach dem Angrüßen ging es erst einmal um einige Grundsätzlichkeiten, die beim Ausführen einer Kata von Bedeutung sind: die Etikette auf der Matte beispielsweise, die Präzision bei der Ausführung der Techniken, aber auch die Harmonie zwischen Uke und Tori und das Gefühl für das richtige Tempo. Vielleicht könnte man sagen: die Kata gleicht einem sakralen Tanz um ein Energiefeld und die Kunst besteht darin, diese Energie aufzugreifen und zu formen.

Trotz der angesetzten sieben Zeitstunden für den Lehrgang folgte die Einübung der 21 Techniken umfassenden Kodokan Goshin Jutsu Kata zügig hintereinander weg, so dass uns bald ganz schön die Köpfe rauchten. Zeitgleich wurden in der großzügigen Halle der Sport-Union Witten-Annen auf den Matten rechts und links von uns weitere Katas studiert, die für höhere Dangrade erforderlich sind. Beim Blick auf die benachbarten Matten schwankte die Stimmung zwischen Faszination (für diesen schönen Sport) und Verzweiflung (verbunden mit der Frage, ob man da auch nur annähernd jemals hinkommen würde). Unsere starr-entsetzten Blicke entgingen auch Dieter nicht, der freundlich aber bestimmt unsere Aufmerksamkeit wieder auf die hiesige Matte zurück holte: „Was da drüben passiert, ist auch spannend, aber aufpassen müsst Ihr hier!“ So wurde also weiter am Ablauf gefeilt, angegriffen, pariert, gehebelt und geworfen und auch dem Betreten und Verlassen der Matte schenkte man die nötige Beachtung. Dieter und Michael wurden nicht müde, die Techniken aus verschiedenen Perspektiven zu zeigen und Michael als Uke hätte am Ende des anstrengenden Tages eine Medaille für anmutiges Fallen verdient.

Alles in allem wurden wir darin bestärkt, dass es gut ist, sich frühzeitig mit dieser Facette des Jiu Jitsu auseinanderzusetzen. Nicht nur, um vielleicht irgendwann die 1. Danprüfung abzulegen – auch für die allgemeine Trainingspraxis ist das Üben von Katas ein Gewinn, weil die Techniken auf einmal bewusster und präziser kommen. Müde, aber zufrieden traten wir die Heimreise an – im Gepäck die Empfehlung, die Kata im heimischen Dojo weiter zu kultivieren. Wen wundert's? Das Sprichwort „Übung macht den Meister“ ist in dem Fall wohl wörtlich zu nehmen.

 

Bernd Mettenmeyer