Anja und Sina Huben -               ein Mutter-Tochter-Portrait

Die Tochter holt aus - schlägt zu; doch die Mutter ist schneller, blockt den harten Schwinger, kontert mit einer Geraden zum Bauch der Tochter und bringt diese geschickt zu Boden - zack - das eine Knie seitlich auf dem Hals, das andere ebenso auf den Rippen, die Hand, die eben noch schlagen wollte hat die Mutter fest im Hebelgriff - die Tochter ergibt sich…

 Was hier nach einem fürchterlich eskalierten Familiendrama klingt, täuscht. Mutter Anja Huben und Tochter Sina trainieren gemeinsam seit einem Jahr Selbstverteidigung in der Jiu Jitsu - Gruppe des TV Hösel.

Angefangen hatte alles mit einem gewonnen Gutschein für Sina - ein Selbstverteidigungskurs. Und so wollte sie schauen, was Jiu Jitsu ist.

 Doch fast hätte sie an der Tür schon wieder umgedreht. „Die waren alle viel älter als ich“, erinnert sich die heute 14-jährige Sina zurück, „mit 13 in der Erwachsenengruppe - aber ich habe dann doch mitgemacht. Meine Mutter schaute vom Rand aus zu. Ich fand das alles sehr komisch - dieses Aufwärmprogramm und dann diese seltsamen Techniken, bei denen man anderen die Hände verdreht und so.“ Sina hielt den ersten Abend tapfer durch und überredete für die nächsten Stunden ihre ältere Schwester, sie zu begleiten.

 Diese hörte zwar nach dem Kurs auf, aber dafür war ihre Mutter neugierig geworden. Auch sie erinnert sich an die ersten Abende, bei denen sie nur ihrer Tochter vom Rand aus beobachtete. „Diese komischen Anzüge - ein totales No-Go! Und während der eine Trainer die Anfänger - und damit meine Tochter - trainierte, war ein anderer bei den Fortgeschrittenen. Fürchterlich was dort geschah. Die haben sich gegenseitig auf die Matte geworfen, geschlagen und getreten - das muss doch wehtun…“

 Doch dann siegte die Neugierde und Anja stand mit auf der Matte. „In meiner Jugend wurde ich leider einige Male mit Gewalt konfrontiert - vieles kam mir hier erschreckend bekannt vor, “ erzählt Anja später, „ aber man kann sich wehren. Und ich will nie wieder ein wehrloses Opfer sein - ich werde es zumindest - sollte es noch einmal sein müssen - mit aller Härte versuchen.“

 Doch auch Anja und Sina hatten einige Tiefpunkte. „Manchmal musste ich meine Mutter überreden, weil sie keine Lust hatte - aber ich wollte doch da hin. Schon mal ist es auch schwierig, als Mutter-Tochter-Team - wir gehen schon anders miteinander um als die anderen Sportler. Doch wir muntern uns auch gegenseitig auf. Und meistens hatten wir viel Spaß beim gemeinsamen Training, “ plaudert Sina über das Mutter-Tochter-Gespann, „auf jeden Fall ist es wichtig fit und wehrhaft zu sein!“

 Anja und Sina haben nun ein Jahr trainiert, haben kaum einen Abend in der Halle verpasst und auch alle vom Landesverband angebotene Lehrgänge besucht. Das „komische Aufwärmen“ und die „No-Go-Kleidung“ sind mittlerweile wichtige Lebensbestandteile für die beiden geworden.

Doch inzwischen haben die weißen Anzüge orange Gürtel - Anja und Sina haben je zwei Gürtelprüfungen erfolgreich abgelegt. Und der Weg geht weiter…